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03. September 2010
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Jeder zehnte Skater ist schwul
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Homophobie: krankhafte Angst und Hass auf Homosexualität und Homosexuelle.
Text: Martin Kowalski
Fotos: Christoph Maderer
Das Tabu
In allen gesellschaftlichen Bereichen sind Schwule mittlerweile vertreten und zumindest streckenweise anerkannt. Aber im Skateboarding scheint immer noch ein Gespenst umzugehen. Nachdem Frauen immer mehr und überall das Skaten entdecken, scheint es nur noch ein Tabu unter Skatern zu geben: Homosexuelle. Ein Tabu ist es nicht im eigentlichen Sinne: die einen „haben nichts gegen Schwule“ und die anderen benutzen das Wort „schwul“ ohnehin pausenlos und für alles. Aber Thema ist es dennoch nicht, und schwule Skater sind so bekannt wie stylishe Inliner. Gerade in unserer heißgeliebten freiheitlichen, toleranten, alle Grenzen überwindenden Skateszene sind Schwule scheinbar nicht existent. Heißt das, dass es keine gibt? Nein. Ist das ein Anzeichen, dass unsere Szene intoleranter ist, als wir wahrhaben wollen? Yep.
Bestandsaufnahme: Das unsichtbare Problem
All das gibt Anlass genug, sich mal in der deutschen Skateszene umzuhören und die Gretchenfrage zu stellen: Wie hältst du es mit deinem warmen Bruder?
Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht:
Die Ablehnung ist nicht so krass wie in Hip-Hop und Dancehall. Eigentlich hat niemand etwas gegen Schwule. Aber erstens ist das auch nur ein „eigentlich“, und zweitens – und das ist das Entscheidende – ist es dann um so verwunderlicher, dass sie sich trotzdem nicht normal und selbstverständlich in der Szene bewegen (können). Es ist wie mit den Frauen: man hat nichts gegen sie, aber sie wollen sich ja anscheinend nicht integrieren. Doch Toleranz entscheidet sich nicht nach einem Lippenbekenntnis, sondern danach, wie frei sich Minderheiten innerhalb einer Szene tatsächlich bewegen können. Toleranz ist die heuchlerische Vorstufe von Akzeptanz. Solange man tolerieren muss, ist es ein Problem und man muss darüber reden. Wenn danach alles klar ist, kann man auch wieder über das Thema schweigen. Es ist der alte Fehlschluss: Wer selbst Minderheit (Schwuler, Skater) ist, kann nicht minderheitenfeindlich (rassistisch, homophob) sein. Skater sind auch nicht prinzipiell intolerant, aber der pseudo-tolerante Mann, der aus sicherer Position behauptet, das alles sei doch gar kein Problem, wird damit am Unwohlsein der Frauen, wie auch der Schwulen in einem lauten Skater-Mob nichts ändern. Solange man nur die immer gleichen Goldkettenkids sieht, gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Es ist das alte Problem: Diskriminierung findet nur statt, wenn sich die Schwulen outen, aber sie outen sich nicht, weil sie diskriminiert werden. So bleibt das Problem unsichtbar.
Problem Outing
„Ich habe noch nie einen schwulen Skater getroffen. Und ich glaube auch nicht, dass es sie gibt, denn ich bin mir sicher, dass ich sie erkannt hätte.“
So sehen das wohl mehr, als man denkt. Nur wenige kennen schwule Skater oder haben von schwulen Pros gehört. Es gibt Gerüchte und Vermutungen, Namen tauchen aus dem Gedächtnis auf, aber alles in allem ist nicht viel bekannt. Das Thema Homosexualität ist nach wie vor ein sehr sensibles. Allgemein wird einfach nicht gerne darüber geredet. Man könnte ja meinen: ist doch alles okay, es ist kein Thema, also ist es kein Problem. Aber „kein Problem“ ist es doch wie so oft nur für die heterosexuelle Seite. Homosexuelle haben auch und gerade in der Skateszene kein leichtes Leben. Wer das Problem hier wieder auf die Homos schiebt, die eben nicht klar kommen, ist selber Teil des Problems.
Grundlage für die Irritation ist ein allgemeines Vorurteil: Schwule haben sich zu outen. Es ist ihre „Schuld“, also auch ihre „Pflicht“ zu „beichten“. Da es „normal“ ist heterosexuell zu sein, ist Homosexualität eine Art Geheimnis, das man offenbart oder nicht. Kern dieses Denkens ist die Idee, dass das heterosexuelle Paar automatisch das Prinzip der sozialen Bindung sei. Erklären müssen sich Homosexuelle, warum sie von der Norm abweichen, und nicht die, die ihrer scheinbar „selbstverständlichen“ und „natürlichen“ Bestimmung nachgehen. Der Schwule wird zum gefürchteten Anderen. In diesem Zusammenhang sollte sicherheitshalber betont werden, dass Homosexualität genauso normal ist wie Heterosexualität. Sexualität ist eine Orientierung, keine Wahl, bei der man sich auch anders entscheiden kann. Und es ist absolut und komplett unwichtig, wer mit wem wann wie rumvögelt. Das hat nicht zu interessieren; es sei denn, man möchte selber mal mit dem/derjenigen…
Aufgrund des Verschweigens und der Unsichtbarkeit von Homosexualität bleibt diese Bedeutung der Heterosexualität, sowie die gesellschaftliche Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit erhalten. Daher ist ein Outing fast unmöglich. Deswegen gibt es so wenig Schwule im Skaten. Junge Schwule, die gerne skaten würden, unterdrücken ihre Identität oder fangen aus Angst vor Entdeckung oder einer weiteren Diskriminierungsfront erst gar nicht an zu skaten. Zwei Varianten sind denkbar: A) Sie leben ein absurdes Doppelleben zwischen dem Macho-Dasein im Skatepark und den eigenen Bedürfnissen. Sie verstecken ihre Homosexualität und sind umgeben von ständiger Angst vor Entdeckung, Veröffentlichung und Zwangs-Outing. B) Sie werden durch die Umgangsformen und die Strukturen im Skateboarding schon frühzeitig ausgeschlossen. Die Männerclique mit ihrer ängstlichen Abneigung gegenüber anderen sexuellen Orientierungen schließt sie aus.

Mann ist der stylisch, wie der da drin steht! Denk dran, auch dein Backtail könnte schwul sein!
Skaten ist nur für richtige Männer!
...und eben nichts für verweichlichte Schwuchteln! Ob es um die Höhe des Gaps, die Länge des Rails oder um den eisenharten Slam geht: Skaten ist eng mit dem Bild vom harten, starken Mann verbunden. Körperkult und Größenwahn sind Trumpf. Schwule und Frauen passen nicht in dieses Bild. Denn der Mann ist nach dieser Sichtweise schon immer die Krone der Schöpfung gewesen. Skaten ist ein homoerotischer Männerbund: man bestätigt sich nur zu gerne gegenseitig, wie geil wir Skater sind. Gleichzeitig wird jegliche Homoerotik geleugnet. Dazu passen die auch sonst weit verbreiteten irrwitzigen Konstruktionen vom Schwulsein – Schwule tragen rosa, können nicht skaten, sind keine richtigen Männer.
Gängige Meinung ist auch, nichts gegen Schwule zu haben, solange sie einen nicht antatschen. – Als würde man ständig von Schwulen angestarrt, belästigt und angetatscht werden. Und selbst wenn, ist es dann ein Problem zu sagen: „Verpiss dich!“, da natürlich genau wie bei einer Frau sexuelle Belästigung scheiße ist? – Ach ich vergaß, für manche ist das ja „normal“. „Aber Schwule sind doch immer geil, die haben sich doch nicht unter Kontrolle!“ – Hier spricht der pure Neid des männlichen Mannes, der nur zu gerne ständig, überall und ohne Rücksicht ficken würde, was das Zeug hält. Zu behaupten, alle Schwule warten nur darauf, bis sie über einen herfallen können, ist reine Projektion: man könnte fast glauben, diejenigen hätten es selbst nur zu gerne, wenn man mal so richtig anständig über sie herfallen würde. Homophobie ist letztlich die Scham und die Angst der Männer vor sich selber. Manche können es anscheinend nicht ertragen selber Sexualobjekt zu sein, weil sie sich so degradiert fühlen, wie sie sonst über Frauen denken...
Was er sagt: „Es kann gar keine schwulen Skater geben, das ist viel zu hart für die. Schwule tanzen vielleicht Ballett, aber skaten können die nicht. Die wären doch die ganze Zeit von den geilen Ärschen abgelenkt.“
Was er meint: „Ich will nicht wahrhaben, dass Schwule normale skatende Menschen sind, sonst kann ich ja auch als schwul gelten. Die haben gefälligst Ballett zu machen, mehr will ich mir nicht vorstellen. Nachher merkt noch jemand, dass ich diesen geilen Männersport und seinen Körperkult nur betreibe, damit ich mein mickriges Selbstbewusstsein aufbauen kann, wenn ich meinen Arsch mit anderen vergleiche und mich als Teil eines sexy Kollektivs fühlen darf.“
Der homophobe Spruch dient der Abwehr der eigenen Angst. Also: je heftiger sich jemand wehrt, desto näher liegt die Vermutung, dass er selbst versucht, so seine latente Homosexualität zu verdrängen.
Das sagen doch alle
Im Fußballstadion ist es dasselbe: antisemitische und rassistische Rufe sind aus bestem Grund verboten – warum nicht auch schwulenfeindliches? Weil es eben „normal“ ist, sowas zu sagen? Weil es alle sowieso auch immer tun? Weil sich keiner etwas dabei denkt? Was ist denn das für eine abgefuckte Normalität? Verbale Gewalt wird toleriert, weil es halt „Jugendkultur“ und „Jugendsprache“ ist, aggressive Witze gegen Minderheiten sind cool, oder was?
Alles was normal ist, scheint nicht als Problem. Homophobie wird zum Ausdruck eines selbstverständlichen Ritus. Die Geschlechterfrage wird zunehmend humoristisch oder durch die Kunst des Übertreibens geklärt. So bleibt immer ein Hintertürchen offen. Man sagt ja nur, was der Volksmund spricht oder habe es ohnehin nicht ernst gemeint. Wer nicht lacht oder mitmacht, ist ein Spielverderber. Wer mitlacht, bestimmt den Diskurs.
Die bittere Realität ist, dass über 60% der Schwulen unter 18 Jahren im letzten Jahr Gewalt erfahren haben. Dazu kommt, dass viele jüngere Schwule Übergriffe nicht melden und die Dunkelziffer dementsprechend hoch ist. Die Gewaltakte sind Zuspitzungen dessen, was für viele ein Problem ist: dass sich Schwule in der Gesellschaft immer offener zeigen und in einer demokratischen Gesellschaft gleichberechtigt sein wollen. Für viele gehört es zu den Grundansichten, Schwule scheiße zu finden.
Homophobie war immer schon eine spezifisch deutsche Angelegenheit: Seit es Deutschland als Nation gab, wurden Schwule institutionell verfolgt, sie galten als den Volkskörper zersetzendes Element. Wir haben die härteste Homosexuellenverfolgung des 20. Jahrhunderts, ja der Geschichte überhaupt zu verbuchen. Auch Schwule kamen ins KZ. Erst im Jahr 1969 – und nur gegen den Willen der Mehrheit – wurde das 100 Jahre alte Gesetz gegen Homosexualität aus seiner Nazi-Fassung entschärft. Allerdings sieht es global nicht viel besser aus: erst 1990 strich die die WHO Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten!
Emanzipation und Patriarchat
Im Skaten – im Sport im Allgemeinen – sind die Grenzen von Weiblichkeit und Männlichkeit sehr eng. Frauen allerdings bietet Skaten die Möglichkeit, männlich definierte Charakteristika auszuleben. Wenn Frauen innerhalb unserer patriarchalen Strukturen mitkommen wollen, sind sie genötigt sich männlich zu verhalten. Männer hingegen brechen ein stärkeres Tabu als Frauen: sie können sich nicht einfach so weiblich geben, ohne dass ihnen ihre Männlichkeit abgesprochen und/oder sie für schwul gehalten werden. Oder in den Worten von Fischmob: Männer können seine Gefühle nicht zeigen.
Wir Männer haben es ja auch nicht gerade leicht: da haben wir uns jahrtausendelang als die Herren aufgespielt und jetzt sollen wir innerhalb eines Jahrhunderts lernen, was Gleichberechtigung bedeutet? Denn so recht wissen wir nicht, was das eigentlich ist: Emanzipation der Frau. Und was ist mit uns? Hört man sie direkt schreien. Dann tauchen auch noch Homo-, Bi- und Transsexuelle auf, und die Orientierung ist völlig hin. Weil es die alten Eindeutigkeiten nicht mehr gibt, ist machohaftes Verhalten für viele so erstrebenswert. So versucht man sich zu versichern, dass „die Welt noch in Ordnung“ sei. Die Idee der grundsätzlichen Vorherrschaft der Heterosexualität ist eine Erfindung der Moderne und entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Sie kam also genau dann auf, als die Emanzipationsbewegung, also die Loslösung von traditionellen Geschlechterrollen begann – sie war sozusagen das Produkt eines Rückzugsgefechts.
Skater waren nie explizit politisch, geschweige denn links, auch wenn sie sicherlich offener und freiheitsliebender sind, als manch andere Gruppierung. Aber mitunter scheint es sich hier um ein rein oberflächliches Image zu handeln, während die große Masse doch Konkurrenzdenken, Protzerei und Egozentrismus huldigt. Im Grunde schert man sich einen Dreck um die Gesellschaft und ihre Strukturen. Vielleicht wird es an den homophoben Äußerungen mancher nur einfach sichtbar: dass es wirkliche gesellschaftliche Emanzipation noch nicht gibt und für diejenigen besser auch nicht geben soll.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier all jene eine Projektionsfläche suchen, die sonst glauben, zu kurz kommen. Mit stolz geschwellter Brust rufen sie aus: „Wenigstens bin ich kein Schwuler!“ Und wenn es noch nicht ganz geholfen hat, kann man irgendjemanden schwul nennen, und schon fühlt man sich besser, denkt, man wäre jetzt als harter Mann anerkannt. Den Verdacht, man selbst sei einer, hat man damit zumindest gründlich ausgeräumt. Ärgerlicherweise reicht das manchen immer noch nicht, um sich zu beweisen; die werden dann Nazis. Seid also nett zu allen Homophoben, wenn ihr sie nicht in ihrer herrlich strahlenden Männlichkeit anerkennt, bekommen wir noch mehr Nazi-Nachwuchs, als wir eh schon haben. Nehmt die Jungs an der Hand, streichelt ihnen über die Wange, versichert ihnen, dass das alles nicht so schlimm ist, dass ihr sie vor den bösenbösen Schwulen schon beschützen werdet, und dann geht endlich wieder skaten! Und zwar zusammen! Hand in Hand! Ihr schwulen Penner!
Q U O T E S
Ich bin nicht schwul, obwohl ich es gerne wäre, bloß um Leute mit Schwulenparanoia zu ärgern. - Kurt Cobain
Die Leute, die was gegen Schwule haben, sind dieselben die sich beim SKATE spielen an die offiziellen éS-Regeln halten, und andererseits betonen, wie toll es sei, dass man beim Skaten machen, anziehen und sein kann wie man will.
- Martin Zierdt
Die ganze Skate-Szene ist doch selbst mega-schwul. Im Endeffekt eifern alle irgendwelchen Bernd-Idolen nach – ob das mal nicht schwul ist!? All diese homoerotischen Bewunderungen: „Wie stylish ist der denn!“ oder „Der springt ja überall runter... Mann, hat der Eier!“ – Aber alles schwule leugnen? Wie schizophren ist das denn? „Was der ist schwul? Hättest du das nicht früher sagen sagen können?“ Dieses kleinkarierte Gehabe von vielen Hinterweltlern hat uns schon unser größtes Skatetalent gekostet.
- Michael Mackrodt
In Berlin gibt es auf jeden Fall schwule Skater, mit denen wir fast jeden
Tag skaten, und es war noch nie ein Problem. Ich war selbst erstaunt, dass keiner großartig rumlästert. In Berlin ist eben alles easy..., aber in anderen Städten sind die Skater oft viel zu cooool um tolerant zu sein.
- Maxim Rosenbauer
„Ich kann mir schon vorstellen, dass das schwierig ist in der Szene. Ich habe damit keine Schwierigkeiten, aber die ganzen Macho-Männer sehen ihre Männlichkeit dadurch in Frage gestellt. Ich fände schön, wenn es egal wäre, ob man ne Hete oder nen Homo ist, und niemand Angst haben muss, sich wegen seiner Sexualität verstecken zu müssen.“
- Jürgen Horrwarth
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